Das siebte Jahr
Der Rückkehrer
Als Zandalf Honiahaka Wakan Tanaka wieder durch die Aschenpfade von New Hope schritt, flackerte das Licht nur noch träge auf den Totemfeuern. Die Kinder, die ihn nie gekannt hatten, sahen in ihm einen alten Mann mit suchendem Blick. Die Erwachsenen — misstrauische Schatten ihrer einstigen Treue — starrten auf seine in der Dämmerung auftauchenden Gestalt, seine zerschlissene Robe und das abgenutzte Amulett des roten Wolfs, das schief an dem großen schwarzen Pelz baumelte, der über seinen Schultern lag. Dicht hinter ihm, eine Fremde.
Niemand von seinem Stamm rief ihm zu. – Niemand feierte ob seiner Rückkehr.
Nur der alte Scape Goat TooFrie schloss ihn in seine Arme.
Zandalf war fort gewesen — zu lang. Ein Jahr der Stille, ein Jahr der Zweifel.
Und wie der große Schamane später erfahren musste, auch zu einer Zeit an der sich etwas dunkles in die Träume der Menschen gefressen hatte:
Der Sentinel, ein fremdartiges Monster, das nicht tötete, sondern Gedanken lenkte, Vertrauen zersetzte, alte Wunden in frischen Hass verwandelte.
Zandalf hatte einen Abschiedsbrief hinterlassen bevor er auf seine lange Pilgerfahrt ging. Doch die Zeit sorgte dafür, dass viele es für eine Flucht hielten. Für ein Versagen.
Die Fremde
Als Zandalf an die Tafel trat, stellte er erst seine Begleiterin vor.
„Ich traf sie auf meinem Rückweg von der Pilgerreise. Ich war unvorsichtig, im frühen Eisnebel hörte ich nicht auf das was um mich herum passiert und so brach ich lautlos im Eis ein – unter einer dünnen Schneeschicht wartete der eiskalte Tod. Er zog mich immer fester an sich und ich dachte bereits, dass es das Ende ist, doch plötzlich tauchte eine Silhouette über mir an der Wasseroberfläche auf.
Es war Kjial – jung, blitzschnell, zäh. Sie zog mich aus dem Eis und riss mich ans trockene Ufer.
Als ich wieder zu mir kam, sprach sie erst kein Wort. Ich wollte wissen wer sie war, aber sie zeigte nur lächelnd auf die Leere eines alten Kühlraums hinter sich. Hundert Dosen Red Wolf lagen dort – alle leer. Sie hatte dort gelebt. Dort überlebt. Und ich erkannte sofort: dass sie gesegnet und vom roten Wolf auserwählt war.
Die Schamanin
Colenia, nun Mutter des Rudels, stand Zandalf von seinem alten Thron aus gegenüber. Ihr Blick war klar und scharf, wie das Eis des dritten Winters. Sie hatte in seiner Abwesenheit geführt — stark, pragmatisch, ohne Träume. Sie war keine Stimme des Wolfes, sondern seine Zähne.
„Du bist fortgegangen, als wir dich brauchten“, sprach sie wütend.
„Und genau jetzt kommst du zurück? Was du jetzt bist, wissen wir nicht!
Vielleicht bist du du. Aber vielleicht bist du das Monster.“
Zandalf hielt ihrem Blick stand.
„Ich habe es dir doch erklärt in dem Brief, ich hörte den Wolf nicht mehr.
Also ging ich auf die Pilgerfahrt, ich wollte hören. Und ich habe ihn wiedergefunden.“
Doch Worte waren zu dieser Zeit zu wenig. Der Rat der des Wolfs verlangte nach einer Prüfung.
Und Zandalf… stimmte zu. Aber auch er verlangte vom Stamm eine Prüfung.
Ein Tag in der falschen Kirche
Am folgenden Sonnenaufgang führte man ihn hinab in Richtung der alten Seen, über den Pfad der Stahlknochen — zum Lager der Technokraten.
Dort, in kaltem Licht, stand der große Schamane, im Mantel eines Messdieners von Omnes, der angeblichen Maschinen-Göttin. Er zündete die rituellen Glühkerzen. Er das Buch des Priesters. Er ertrug den Singsang ob einer heiligen Schaltplatine.
Er tat alles, was man ihm auftrug.
Doch sein Herz und sein Glaube schrien in ihm, doch er war stärker.
Dann begann das Ritual der Öltrinker und er musste eine letzte Prüfung bestehen.
Zuerst musste er sich entscheiden, zwischen Stärke, Glauben und irgendwas an das er sich nicht mehr erinnert.
Zandalf wählte den roten Wolf!
Dann musste er einen der Anwesenden, nach Wahl des Priesters, in einer Prüfung der Stärke besiegen.
Und der große Schamane gewann.
Und zu guter Letzt, der Trank.
Ein silbernes Gefäß, gefüllt mit dunkler, chemischer Flüssigkeit – angeblich das Öl Omnes.
Er trank – Er zitterte – Er hielt es in sich.
Doch seine Augen begannen zu brennen und sein Körper fing an zu zucken.
Er erbrach sich vor den polierten Altar der Maschine.
Vor den versammelten Technokraten und Schamanen keuchte er:
„Ich habe es versucht.
Doch mein Leib und meine Seele gehört dem roten Wolf.
Und euer Gebräu ist…
Technokraten-Pisse.“
Die Prüfung des Rudels: Jagd mit dem großen Schamanen
Kurz danach zog das Rudel als Zeichen der eigenen Bereitschaft aus, um gemeinsam mit Zandalf hinaus in die glühenden Wälder zu gehen. Kein Gewehr, kein Bogen, keine Falle.
Nur die Klingen, das Rudel und ein gemeinsames Ziel.
Es dauerte nicht lang, bis Zandalf eine erste Fährte aufgenommen hatte. Ein paar umgeknickte Blätter, dann Hufabdrücke und kurz darauf dieser leichte Geruch in der Nase. Seine Stammesschwestern und Brüder waren so lange vom Pfad abgekommen, dass sie nichts davon wahrnahmen. Aber umso näher sie kamen, desto mehr von ihnen nahmen es endlich war. Er konnte sehen, wie es in einem nach dem anderen die Herzen der Jagd zum Glühen brachte.
Sie jagten einen Aschabullen — ein riesiges, mutiertes Tier, das seit Generationen nicht mehr gesehen worden war. Als sie ihn nach Stunden auf einer Lichtung sahen, fingen endlich die alten Routinen an zu greifen. Das Rudel verteilte sich ohne Worte, pirschte sich gegen den Wind an und fing an das Tier in die Zange zu nehmen. Colenia war weit rechts von Zandalf, als sie plötzlich auf einen Ast trat und das laute knacken den Bullen aufhorchen ließ. Zandalf nutze die Gelegenheit und rannte los, um so viel Boden gutzumachen wie möglich. Der Bulle drehte seinen Kopf und wollte zur Flucht ansetzen, aber Hoka wiederum nutze Zandalfs Ablenkung, um das Tier weiter einzukreisen und so gab es keine Möglichkeit zur Flucht.
Und als sie den Bullen niedergerungen hatten — mit Zähnen, Klingen und Schweiß —
und das Blut auf die Erde tropfte, war es endlich wieder da:
Ein Heulen.
Tief, ehrlich und Alt.
Der rote Wolf – antwortete.
Als sie sich alle um das tote Tier versammelten, sprach keiner ein Wort.
Zandalf brach es auf und schnitt das noch warme Herz aus der Burst des Tieres. Während die anderen einen leisen Singsang von sich gaben, biss der große Schamane in blutende Herz und spürte, wie seine Kraft auf ihn überging. Nacheinander folgte alle seinem Beispiel.
Und sie wussten: Sie hatten den ersten Schritt gemacht, sich selbst wiederzufinden.
Der Weg des Blutes und der Stille
Zandalf spürte es im Nacken, im Atem des Rudels, in den Blicken der Anderen. Sie waren ihm gefolgt.
Sie hatten sich bewiesen. Doch waren sie wirklich eins?
„Wir gehen hinaus. Nicht als Führer und Gefolgsleute. Nicht als Schamane und Krieger. Nur als Blut, das denselben Fluss hat.“
Und so gingen sie mit Zandalf hinaus in das Öland. Es war eine Pilgerreise ohne Ziel.
Bis es an der Zeit war, dass sie sprachen.
Zandalf sprach zuerst, nur einen Satz:
„Sprecht, wie das Herz es verlangt. Keine Strafe, kein Urteil. Nur Wahrheit.“
Und sie sprachen.
Eyota, , sprach von Wut:
„Du bist verschwunden. Wir haben geblutet. Wo warst du?“
Hoka, sprach von Enttäuschung:
„Du hast geglaubt, nur du hörst den Wolf. Aber auch wir hören ihn – manchmal leiser, manchmal anders.“
Colenia, sprach von Last:
„Ich trug das Rudel. Ich führte, als du weg warst. Und jetzt bist du zurück und willst, dass alle wieder nur auf dich schauen?“
Zandalf spornte sie an weiterzumachen, denn nichts ungesagtes sollte heute bei ihnen bleiben.
Die Krähenbotschaft
Mit der beginnenden Dämmerung, als der Nebel zwischen die verkohlten Bäumen kroch, kamen drei Krähen.
Sie krächzten nicht.
Sie flogen – kreisten über dem Rudel – und zogen in eine Richtung davon.
Zandalf blickte ihnen nach.
„Dort.“
Keiner zweifelte. Sie gingen.
Stunden vergingen und das Öland war still, nur das Knirschen von Asche und das Singen des Windes begleitete sie.
Und dann:
Ein alter Betonhügel.
Eine Bunkerstation.
Verwachsen. Fast vergessen.
Doch geöffnet vom Zahn der Zeit.
Sie stiegen hinab, geführt von nichts als Gefühl. Tiefer und tiefer, bis sie einen abgeschotteten Raum fanden – trocken, kalt und voller Stille. Und dort stand sie, eine große blutrote Truhe. Der Staub lag auf ihr wie Schnee. Doch als sie sie berührten, fühlte sie etwas Warmes darin.
Gemeinsam öffneten sie die Truhe.
Das Geschenk
Im Inneren: Pelze aus altem Leder, Dosen mit dem Zeichen des Roten Wolfs — unversehrt.
Und drei Kopfbedeckungen, wie sie schon immer waren.
Eine der Vernunft, mit dem Schädel einer Krähe
Eine des Wahnsinns, mit eine aufgerissenen Fischmaul, welches dem Chaos entgegen schreit.
Und eine des Wolfs.
Über all dem im Deckel der Truhe standen die Worte des roten Wolfs, seine Weisheit, seine Wahrheit, ihre Zukunft.
"Dat weer nie de Wulf, et wat ümmer dat Rudel.
Der een der se führt, is ok der een der sück föhren latten mut.
Of de beden Saeulen, Vernonft un Wuhnsinn soll der een wandeln un ümmer dat Gliekgewicht bring.
Denn der een, is der der em höört.
Denn der een, is der der em föhlt.
Aver he is nienich wat ohn di Rudel"
Am Abend, als sie zurückkehrten, war der Himmel klar. Die Sterne funkelten über New Hope.
Niemand sprach, denn das Rudel war zurück. Nicht nur gemeinsam, sondern im Herzen geeint.
Die Ölländer und das Ende des Schattens
Während die Prüfungen geschahen, formierte sich im Dorf eine große Gruppe der Ölländer, um dem Sentinel endlich die Stirn zu bieten. In gemeinschaftlicher Arbeit hatten sie es geschafft ein Serum herzustellen, welches eines gewisse Immunität gegen die Gedankenkontrolle bringen sollt.
Der Padre und die Digger führten die Leute mit improvisierten Flammenwerfern, Gewehren und Granaten tief in das Nebelgebiet, wo der Sentinel hauste. Er schickte Welle um Welle seiner Kreaturen und nicht jedes Serum schien zu Helfen.
Einige aus der Gruppe wendeten sich gegen die eigenen Kameraden. So geschah es auch, dass Isolde ihre Klinge über Zandalfs Hals zog. Völlig unvorbereitet sackte er zusammen, die Hand auf die Wunde gepresst, in dem Versuch das letzte bisschen Leben in sich zu halten.
Zum Glück, oder aus Vorsehung hatte er das Geschenk des roten Wolfs dabei. Die Klinge, welcher er auf seiner Pilgerfahrt in einer Höhle fand. Rotfang – war mehr als nur eine bloße Klinge, aufgeladen mit einer Seele und getränkt durch die Essenz des roten Wolfs konnte sie Leben nehmen, aber auch geben.
Colenia wollte es die Tage zuvor nicht glauben, als der große Schamane davon berichtetet, doch hier war der Beweis. Während der letzte Tropfen Blut von der Erde aufgesogen wurde, nahm sie das Messer und vollführte den gleichen Schnitt.
Doch statt die Wunde zu vertiefen, brachte die Klinge das Leben zurück.
Die Schlacht um das Rudel herum war jenseits des Verstehens.
Viele starben lachend, schreiend, fluchend — besessen.
Aber am Ende setzten sie dem Ding ein Ende, als die letzten Reste des Wesens mit einer Granate gesprengt und dem Flammenwerfer zu Asche verbrannt wurden, endet endlich auch das Flüstern in den Köpfen.
Epilog
Zandalf trat wieder vor das Feuer des Rates.
Colenia und Eyota standen neben ihm.
Keiner war höher.
Keiner niedriger.
„Ich habe gespuckt auf die falsche Göttin“, sprach er.
„Ich habe geblutet mit meinem Rudel.
Der rote Wolf ist nicht tot.
Doch er verlangt mehr als Treue —
Er verlangt Wildheit.“
Colenia nickte.
„Dann jagen wir wieder.
Und wenn es dem roten Wolf gefällt,
soll er uns hören, wenn wir schreien.“
In dieser Nacht heulte die Wölfe New Hopes so laut,
dass selbst die Technokraten die Sensoren abregeln mussten.
Denn der Krieg ist nie vorbei und bleibt immer gleich.
Doch der Glaube — lebt wieder.
