Der Dolch
Sie nennen ihn „Rotfang“ – doch sein wahrer Name ist älter als jede menschliche Sprache.
Er ist kein Werkzeug. Keine Waffe im gewöhnlichen Sinn.
Er ist ein Gefäß für ein uraltes Etwas, dessen Name in den Überlieferungen der Alten nur selten zu finden ist.
Ein Geschöpf aus den Tiefen der alten Wildnis. Halb Form, halb Gedanke.
Geboren aus Hunger, Widerherstellung – und Hingabe.
Die Legenden sagen, vor langer Zeit war das was heute im Dolch ruht, ein Diener des Roten Wolfs. Kein Tier, kein Mensch – Ein Urgeschöpf, der das Gleichgewicht zwischen Tod und Leben wahrte.
Es heilte die Verwundeten mit der Kraft der Essenz des roten Wolfs und sandte die Unreinen in den Tod.
Wie die Alten erzählten, begann das Wesen irgendwann eigenständig zu entscheiden, wen es rettete – und wen es richtete.
Der Rote Wolf sah den Bruch.
Und er verurteilte das Geschöpf dazu, sich ewig an die Klinge zu binden.
Seither schlägt Rotfang – wie ein pulsierender Muskel aus kaltem Metall.
Es lebt.
Seine Klinge ist kalt, bis sie Blut schmeckt.
Dann beginnt sie zu glühen – rot wie das Auge des Gottes.
Wunden, selbst tödliche, vermag er zu schließen. Doch nicht bei jedem…
Diesen Drang aus der Zeit vor der Bindung blieb erhalten, eben nur jene zu heilen, die das Zeichen des roten Wolfs tragen und deren Körper durchtränkt ist von seiner Essenz.
Für andere aber…
bedeutet Rotfang den sicheren Tod. Es scheint fast, als braucht es das Blut der Unreinen, um heller zu strahlen.
Er prüft.
Er richtet.
Er heilt.
Und das Urteil ist nie falsch – nur oft grausam.
Seit Generationen wurde der Dolch versteckt. Versiegelt zwischen den Statuen des Bären und des Wolfs, denn nur ein Wanderer, der selbst an der Grenze zwischen Mensch und Anderwelt steht, darf ihn finden.
Jetzt hat Zandalf ihn berührt.
Und Rotfang hat ihn angenommen.
Noch ist ihre Verbindung jung.
Doch mit jeder Berührung der Klinge,
wächst etwas zwischen ihnen.
Ein Pakt.
Ein Versprechen.
Oder ein Urteil.
Denn der Dolch fragt nicht nach Gut oder Böse.
Er fragt:
Bist du würdig?
