Das Tagebuch des Zandalf
(Gibt es auch als Hörbuch)
Tagebuch von Zandalf, dem Schamanen des Roten Wolfs – Eintrag 1
New Hope, 17. Nacht des Wintermondes
Die Nacht ist kalt. Zu kalt für einen Mann, der sich selbst verloren hat. Ich stehe am Rand des Dorfes, den Blick in die Dunkelheit gerichtet. Hinter mir, im Schatten der Ruinen, wartet mein Stamm. Sie wissen, was ich tun muss. Sie wissen es, aber sie verstehen es nicht.
Die Worte des Roten Wolfs sind verstummt, so wie die Sonne hinter den grauen Wolken, die den Himmel seit Jahren verdecken. Früher spürte ich seine Präsenz in jedem Windhauch, in jeder Bewegung des Waldes, in den Adern des Flusses. Doch jetzt... Nichts. Nur Schweigen. Nur Kälte. Es ist, als ob ich von ihm vergessen wurde, und vielleicht... vielleicht habe auch ich ihn vergessen.
„Du musst dich selbst finden“, hat Papa Legba gesagt, als er mir die letzte Warnung überbrachte. „Die Reise ist die einzige Möglichkeit, deine Verbindung zum Roten Wolf wiederherzustellen.“
Aber was, wenn dieser Weg mich zu einem Ort führt, an dem ich mehr verliere, als ich finden kann?
Ich habe die Entscheidungen getroffen. Ich lasse sie zurück, meinen Stamm, meine Familie. Ich kann nicht länger der große Schamane des Roten Wolfs sein, wenn der Rote Wolf selbst nicht mehr mit mir spricht. Auf die Pilgerfahrt muss ich mich alleine begeben. 4000 Kilometer zu Fuß. Der Nordpol, der einst die letzte Zuflucht war, der Ort, an dem die Zeit vor der Dunkelheit noch in den Sternen zu lesen war. Das ist mein Ziel, das Ziel eines Mannes, der auf der Suche nach der verlorenen Stimme eines Gottes ist.
Der Wind trägt den Geruch des Verfalls mit sich. Die Zeit hat uns verändert, hat das Land in eine endlose Winterwüste verwandelt. Die Meere sind gefroren, die Berge aus Staub und Asche erhoben sich wie Gebeine in den Himmel. Nichts ist mehr so, wie es einmal war.
Doch der Rote Wolf, er lebt. Vielleicht kann ich ihn finden, vielleicht spricht er wieder, wenn ich den Pfad des Gefährlichen und Ungewissen beschreite. Wenn ich die eisigen Ebenen betrete, die das Land des Nordens bedecken, wird sich zeigen, ob das Eis mich tragen oder brechen wird.
Die kommenden Monate werden zeigen, ob ich das Ziel erreichen kann, das mich einst in meinen Kindheitsträumen rief. Vielleicht werde ich dort am Ende der Welt alten Geistern begegnen, die dort hausen, oder aber den Mutanten, die in den Ruinen der alten Welt lauern. Doch am meisten fürchte ich, dass ich nur mich selbst finden werde – und einen Gott, der mich längst vergessen hat.
Das freut mich sehr, dass dir der Stil gefällt! Dann können wir gerne weitermachen. Ich werde den nächsten Eintrag fortsetzen und noch ein paar weitere Herausforderungen in Zandalfs Reise einfließen lassen, die ihm nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich zusetzen. Vielleicht wird ihm zunehmend klar, dass seine Reise mehr ist als nur eine Pilgerfahrt – sie ist ein Test seiner eigenen Menschlichkeit, seines Überlebenswillens und seiner spirituellen Verbindung.
Tagebuch von Zandalf, dem Schamanen des Roten Wolfs – Eintrag 2
Am Rande des Todesflusses, 5. Tag der Reise
Die Wüste schweigt. Keine Vögel, keine Tiere. Nur der Wind, der über das weite, leere Land zieht und den Geschmack von Salz in meinen Mund trägt. Das Ende der alten Zeit hat den Boden verätzt, und das, was einst die Farben des Lebens trugen, ist zu Grautönen verblasst. Der Himmel ist wie ein zerfetztes Tuch, und der kalte Atem der Erde weht bis in meine Knochen.
Ich fühle, wie der Hunger mich langsam zerfrisst. Es ist ein stetiges Ziehen in meinem Magen, ein leises, aber unaufhörliches Mahnen, das in meine Gedanken schleicht. Jeder Schritt fällt schwerer als der letzte. Die letzten Vorräte, die ich in New Hope erhalten habe, sind fast verbraucht. Ich werde bald jagen müssen. Doch der Wind und der Schnee verstecken alles, was sich bewegt. Und in dieser Ödnis ist alles, was lebt, eine Gefahr.
Gestern Nacht habe ich das erste Mal in dieser Reise den gespenstischen Klang von Schritten im Schnee gehört. Sie waren leise, beinahe unmerklich, doch ich wusste sofort, dass ich nicht allein war. Ich dachte an die Mutanten, die in den umliegenden Ruinen hausen und ich fragte mich, ob sie mich in der Dunkelheit verfolgen. Doch als ich mich umdrehte, war niemand zu sehen.
Ich versuche, mich zu beruhigen. Vielleicht sind es nur die ersten Züge der Einsamkeit, die mir Streiche spielen. Tief in mir hoffe ich, dass der Rote Wolf mich nicht im Stich lässt, doch ich muss mich fragen, ob dies nur alte Lippenbekenntnisse sind. Hat er mich vielleicht bereits verlassen? Hab ich auch den Glauben an mich selbst verloren? Es sind Fragen wie diese, die sich in meinen Kopf schleichen, wenn die Stille um mich wächst.
Ich gehe weiter, immer weiter nach Norden. Der Todesfluss, wie sie ihn nennen, wartet auf mich. Der Fluss ist kein echter Fluss. Er ist das, was von den alten Gewässern übrig geblieben ist. Eisige Bänke, die das Land durchziehen, Risse, die sich wie Narben über die Oberfläche ziehen. Man kann nie wissen, ob sie tragfähig sind oder nicht. Jeder Schritt auf dem Eis könnte der letzte sein. Es erinnert mich an meine Kindheit, als ich mit den anderen Jungen der Sippe auf diesen Flüssen spielte. Damals war ich mutig. Doch jetzt, als alter Schamane, schleicht sich die Angst ein. Was, wenn das Eis unter mir bricht und ich in den Tod stürze? Was, wenn ich nicht mehr zurückkehren kann?
Doch ich muss weiter. Ich habe den Weg gewählt.
Gestern Abend fand ich ein verlassenes Lager, Reste eines Feuers, das vor Tagen erloschen sein muss. Es waren Menschen – oder das, was von ihnen übrig war. Ihre Kleidung war zerrissen, ihre Gesichter entstellt. Ich weiß, dass die Mutanten keine Gnade kennen. Aber auch die letzten Überlebenden dieser Welt sind nicht ohne Gefahr. Der Hunger und die Verzweiflung haben sie zu Raubtieren gemacht.
Ich habe ihre Vorräte genommen. Die Nacht ist wieder ruhig. Keine Schritte im Schnee. Ich bin wieder allein. Oder zumindest glaube ich es.
Die Reise geht weiter.
Tagebuch von Zandalf, dem Schamanen des Roten Wolfs – Eintrag 3
Tief im Westen des Todesflusses, 12. Tag der Reise
Die Kälte ist erdrückend. Meine Finger sind steif, meine Füße kaum noch in der Lage, den Boden zu spüren. Der Wind pfeift durch das zerfetzte Land, und der Schnee, der sich unter meinen Stiefeln zusammenpresst, lässt jedes Geräusch lauter erscheinen. Der Atem wird zu dampfenden Wolken, die in der Dunkelheit verschwinden. Die Sonne ist längst nicht mehr zu sehen, nur der graue, nebelverhangene Himmel über mir.
Ich frage mich, ob der Rote Wolf auch hier ist, in diesem leeren, kahlen Land. Vielleicht ist er längst fort, vielleicht hat er mich nie wirklich begleitet. Vielleicht habe ich zu viel von mir selbst in seine Weisungen gelegt. Es ist eine falsche Vorstellung gewesen – zu glauben, dass ich mehr war als der Bote seines Wortes, dass ich mehr als ein Werkzeug war.
Ich habe mich immer als Teil des Gottes gesehen, als ein Vertrauter, als jemand, der eine besondere Verbindung zu ihm hatte. Ich habe die Zeichen gedeutet, die er mir gab, als wären sie meine eigenen Gedanken. Doch jetzt... jetzt erkenne ich die Wahrheit. Ich bin nur der Bote. Ein Überbringer, der zu viel von sich selbst in die Worte des Roten Wolfs hineingelegt hat.
Ich erinnere mich an die alten Worte meines Vaters. „Zandalf, der Schamane ist ein Spiegel. Doch er darf sich nicht in seinem eigenen Bild verlieren.“ Und genau das habe ich getan. Ich habe mich für mehr gehalten als nur ein Werkzeug, als Bote. Ich habe vergessen, dass der Rote Wolf der Gott ist und ich nur seine Hand. Ich habe den Stolz eines Kriegers in mir getragen, als wäre ich derjenige, der die Entscheidungen trifft. Doch es war der Wolf, der führte. Nicht ich.
„Warum hast du dich von mir entfernt?“ frage ich in die Dunkelheit, aber wie erwartet bleibt die Stille. Keine Antwort. Der Rote Wolf spricht nicht mehr zu mir.
Aber ich spreche weiter, denn es gibt keinen anderen, dem ich meine Gedanken anvertrauen kann. „Habe ich zu viel verlangt? Habe ich mich zu weit von deinem Pfad entfernt? Ich dachte, ich wüsste, was du willst. Ich dachte, ich kannte deine Wünsche, deine Weisheit. Aber vielleicht war ich zu hochmütig. Vielleicht war ich nicht der, der ich zu sein glaubte.“
Ich seufze und trete auf den frostigen Boden. Der Schnee knirscht unter meinen Füßen, doch die Stille bleibt. „Ich habe Kolenia zurückgelassen. Sie ist jung. Wird sie den Stamm führen können, wie du es wünschst? Wird sie das Wort des Roten Wolfs weiterhin verbreiten, oder wird sie selbst die gleichen Fehler machen wie ich? Wird sie die wahre Weisheit finden, ohne sich in den eigenen Gedanken zu verlieren?“
Ich frage mich, ob der Rote Wolf mich noch immer beobachtet, ob er sich über mich ärgert. Der Gedanke, dass ich vielleicht schon längst von ihm abgekehrt bin, schmerzt mehr, als ich es je zugeben würde. Aber Kolenia, sie hat das Potenzial, sie hat den Wahnsinn der Alten in sich. Sie kann der Stammesschamanin gerecht werden, doch sie wird auch ihre eigenen Prüfungen durchstehen müssen. Wie konnte ich nur glauben, dass ich alles für sie vorbereitet habe? Wie konnte ich denken, dass ich alles im Blick hatte?
Ich schließe die Augen für einen Moment. Die Einsamkeit ist erdrückend. Der Wind jagt mir kalte Tränen ins Gesicht, doch die Tränen, die ich wirklich weine, sind die der Erkenntnis. Ich kann den Stamm nicht retten, nicht mehr. Ich kann nicht mehr der Schamane des Roten Wolfs sein. Vielleicht ist es an der Zeit, den Weg der Pilgerfahrt bis zum Ende zu gehen, um das zu finden, was ich verloren habe.
Die Reise geht weiter.
Tagebuch von Zandalf, dem Schamanen des Roten Wolfs – Eintrag 4
Auf dem Weg zum Nordpol, 16. Tag der Reise
Ich höre sie wieder. Die Schritte. Sie sind leise, aber unmissverständlich. Zu regelmäßig, zu bedacht, um einfach nur die Laute des Windes zu sein. Ich halte an und drehe mich vorsichtig um. Der Schnee ist tief, aber die Spuren, die ich entdecke, sind... keine menschlichen Spuren. Sie sind größer, tiefer, mit klauenartigen Vertiefungen. Etwas anderes ist mir auf den Fersen, etwas anderes als die ständigen Gedanken an den Verlust des Roten Wolfs.
Ein Schaudern läuft mir über den Rücken. Ich taste nach der Pistole an meinem Gürtel, einem der wenigen Relikte aus der alten Welt, und spüre den kalten Stahl unter meinen Fingern. Ich kann das Gewicht der Waffe fast als Teil von mir selbst fühlen. Sie ist ein kleiner Trost in dieser eisigen Einsamkeit, ein Erinnerungsstück an die Tage, an denen ich als Krieger und nicht als Schamane in den Ruinen umherzog. Mein Kettenschwert – ein weiteres Erbstück meines Vaters – ist ein auffälliges Symbol dieser Tage. Ich habe sie nie vergessen, obwohl ich nie in den letzten Jahren der Versuchung erlegen bin, sie zu schwingen. Aber heute... Vielleicht werde ich es müssen.
Ich überprüfe das Schwert, das über meinem Rücken hängt. Der Griff ist gut abgenutzt, aber die Zähne der Kette sind immer noch scharf. Mein Vater gab es mir mit den Worten: „Du bist der Bote des Roten Wolfs, aber vergiss nie, dass der Wolf auch Krieger war, bevor er ein Gott wurde.“ Das war lange bevor ich den Schamanenweg betrat. Das war lange bevor ich vergaß, was es bedeutet, mit der Waffe zu kämpfen. Doch heute bin ich dankbar für die Erinnerung an diese Zeit. Es ist seltsam, wie ein Stück alter Technologie mehr Bedeutung bekommt, wenn man sich der Bedrohung einer feindlichen Umgebung gegenübersieht.
Die Schritte kommen näher, und ich kann nun die Kratzgeräusche hören, die der Schnee hinter den ungeheuren Pfoten hinterlässt. Ich binde den Mantel fester um meinen Körper, um mich besser an das Gewicht des Schwertes und der Waffe zu gewöhnen. Die Luft wird dichter, kälter. Ich drehe mich abermals um und gehe, als wolle ich den Eindruck erwecken, ich hätte die Gefahr nicht bemerkt.
Der Schnee vor mir verändert sich, die Spuren beginnen sich zu verdichten. Dann entdecke ich etwas anderes – eine Höhle, ein schützender Eingang in den Felsen, die Dunkelheit dahinter ein willkommenes Versprechen. Ich lasse mich nicht von der Gefahr ablenken, die sich im Hintergrund verbirgt. Ich gehe in die Höhle. Wenn es ein Platz ist, der mir Unterschlupf bieten kann, werde ich die Entscheidung treffen, hier zu bleiben. Für eine Nacht vielleicht. Ich brauche ein wenig Ruhe. Etwas Wärme.
In der Höhle entzünde ich das Feuer. Es flackert zögerlich, als wollte es sich gegen die Kälte wehren, die sich von draußen bis hierher schleicht. Doch bald schon füllt der Schein des Feuers die Höhle mit Leben, und ich fühle, wie die Muskeln meines Körpers wieder etwas Wärme und Energie zurückerhalten. Die Kälte von außen ist immer noch in meinen Knochen, doch die Flammen flüstern mir ein wenig Trost zu.
Ich nehme das Kettenschwert und beginne es zu schwingen. Früher war ich gut darin, fast zu gut. Jeder Schlag, jede Bewegung war eine perfekte Harmonie von Kraft und Geschwindigkeit. Doch die Jahre als großer Schamane haben mich weich gemacht. Ich habe die Präzision und die Schnelligkeit verloren, die mich als Krieger auszeichneten. Es sind die einfachen Bewegungen, die am schwierigsten sind – der Schnitt von links, der Stoß nach vorn. Ich bin langsamer, als ich es einst war.
Aber die Muskeln erinnern sich. Sie wissen, wie es geht. Ein Schlag, dann noch einer. Der Ort des Schwerts schneidet die Luft wie das Knacken von Eis. Meine Hände, obwohl alt und verbraucht, reagieren schneller, als ich es gedacht hätte. Ein weiteres Stück alte Macht, das in den Tiefen meines Körpers verborgen liegt. Vielleicht ist der Krieger in mir doch noch nicht ganz tot.
Ich aktiviere das Schwert. Die Kette springt zum Leben, die Reißzähne der Kette drehen sich rasend schnell, ein surrendes Geräusch erfüllt den Raum. Es ist, als würde das Schwert selbst die Luft zerschneiden. Ein Geräusch, das mich beruhigt und gleichzeitig in Alarmbereitschaft versetzt. Falls da draußen wirklich etwas ist, dann ist es besser vorbereitet zu sein.
Ich fühle mich bereit. Der Kampf mag kommen, und ich werde nicht zögern.
Tagebuch von Zandalf, dem Schamanen des Roten Wolfs – Eintrag 5
In der Höhle, 17. Tag der Reise
Die Flammen tanzen vor mir, werfen lange Schatten an die Wände der Höhle. Für einen Moment fühlt sich die Wärme des Feuers an wie eine alte Erinnerung, wie ein Hauch von Leben in einer Welt, die vom Tod beherrscht wird. Doch die Erinnerung hält nicht lange. Draußen heult der Wind, und ich höre wieder diese Geräusche – das Knirschen von Schnee, die Schritte, die nicht zu mir gehören.
Ich habe die Höhle so gut wie möglich gesichert, Steine vor den Eingang geschichtet und eine improvisierte Fackel nahe an der Öffnung befestigt. Aber ich weiß, dass es nicht reichen wird, wenn das Wesen draußen wirklich entschlossen ist, zu mir zu gelangen. Ich weiß nicht, was es ist. Doch ich weiß, dass es mich beobachtet.
Ich sitze am Feuer, die Pistole griffbereit an meiner Seite, und mein Kettenschwert ruht auf meinen Knien. Das Feuer lässt die Metallzähne der Klinge aufblitzen, und ich fahre mit den Fingern über den abgenutzten Griff. Es fühlt sich vertraut an, vertrauter, als ich erwartet hatte. Mein Vater hätte gelächelt, wenn er mich so sehen könnte – wieder als Krieger, nicht nur als Schamane.
Doch während ich die Klinge halte, spüre ich auch das Gewicht ihrer Bedeutung. Der Rote Wolf lehrte uns, das Gleichgewicht der Natur zu wahren, nicht zu zerstören. Dieses Schwert, diese Waffe, ist ein Relikt der alten Welt, eine Erinnerung an die Gewalt, die unsere Welt einst zugrunde richtete. Doch, jetzt, hier, in dieser Höhle, fühlt es sich an, als ob ich mehr Vertrauen in das Schwert habe als in den Roten Wolf.
„Habe ich dich enttäuscht?“ frage ich in die Leere der Höhle. Meine Stimme hallt schwach zurück, als würde die Höhle mir die Frage wiederholen. „Bin ich so tief gefallen, dass ich mich eher auf eine Waffe als auf deinen Willen verlasse? Oder ist es das, was du von mir erwartest? Dass ich kämpfe? Dass ich überlebe?“
Keine Antwort. Nur das Knistern des Feuers und das Heulen des Windes.
Ich setze mich wieder ans Feuer, das Schwert zurück auf meinen Knien, und ich starre in die Flammen. Die Gedanken an meinen Stamm kehren zurück. Kolenia... Wird sie stark genug sein? Wird sie die Last tragen können, die ich ihr hinterlassen habe? Sie ist klug, das weiß ich, und sie hat die Hingabe, die ich einst hatte. Doch sie ist auch jung und unerfahren.
„Was, wenn sie scheitert?“ frage ich erneut in die Dunkelheit. „Was, wenn ich sie zu früh allein gelassen habe? Was, wenn sie sich in den gleichen Fehlern verliert wie ich?“
Der Gedanke quält mich mehr, als ich zugeben will. Meine Abwesenheit könnte ihren Glauben stärken oder zerstören. Ich weiß es nicht. Und diese Ungewissheit nagt an mir.
Plötzlich höre ich es wieder – das Knirschen von Schnee, näher diesmal. Ich springe auf, die Pistole in einer Hand, das Schwert in der anderen. Mein Atem geht schwer, meine Augen sind auf den Eingang der Höhle gerichtet. Der Schatten außerhalb bewegt sich, groß und schwer, und ich spüre, wie das Adrenalin durch meinen Körper schießt.
Ich drücke den Auslöser des Schwerts erneut, und das Kreischen der rotierenden Kettenglieder erfüllt die Höhle. Es ist ein martialischer Klang, eine Ode an den roten Wolf. Der Schatten bleibt stehen. Für einen Moment ist alles still, bis auf das Heulen des Windes und das Grollen der Klinge. Dann bewegt er sich weiter, langsam, als würde er mich nur warnen.
Ich bleibe regungslos stehen, die Waffe auf den Eingang gerichtet, bis die Schritte wieder verschwinden. Es dauert lange, bis ich die Pistole sinken lasse und das Schwert ausschalte. Mein Herz pocht, und meine Hände zittern. Ich weiß nicht, was das war, aber ich weiß, dass es zurückkommen könnte.
Die Nacht ist noch lang, und die Gefahr ist noch nicht vorüber. Ich werde wach bleiben müssen. Aber ich bin bereit. Der Rote Wolf mag schweigen, doch ich werde seinen Namen ehren.
Die Reise geht weiter.
Tagebuch von Zandalf, dem Schamanen des Roten Wolfs – Eintrag 6
In der Höhle, 17. Nacht der Reise
Es hat seinen Weg zu mir gefunden. Ein Schatten, der aus einer alten Legende zum Leben erwacht ist, hat mich in der tiefsten Dunkelheit dieser Höhle gestellt.
Es begann, als ich das Knirschen wieder hörte – diesmal direkt vor dem Höhleneingang. Die Steine, die ich mühsam gestapelt hatte, wurden mit einem einzigen Schlag beiseite geschleudert. Es war, als hätte der Wind selbst beschlossen, sich gegen mich zu wenden. Und dann stand es da.
Der Wulfen.
Er war so groß, wie die Geschichten es beschrieben hatten – über zwei Meter, halb Mensch, halb Wolf, mit schwarzem Fell, das im Licht des Feuers glänzte. Die Augen, rot und tief wie Glut, schienen direkt in meine Seele zu blicken. Aber das war nicht das, was mich am meisten erschütterte. Es war das Amulett, das um seinen Hals hing – ein einfacher Silberanhänger mit dem Symbol des Roten Wolfs. Und um einen seiner knorrigen Fußknöchel waren Reste von alter Kleidung geschlungen, zerfetzt, aber immer noch erkennbar.
Ich erkannte es sofort. Das waren Überbleibsel meines Volkes. Dieses Wesen war einst ein Pilger gewesen, einer von uns. Einer, der sich auf den Weg gemacht hatte, um die Prüfungen des Roten Wolfs zu bestehen. Und nun, durch sein Scheitern, war er zu diesem Ding geworden.
„Ruhig, Zandalf,“ flüsterte ich mir selbst zu, während ich das Schwert fester umklammerte. „Es ist nicht mehr er. Es ist nur noch eine Hülle.“ Aber der Gedanke reichte nicht aus, um den Kloß in meinem Hals zu lösen.
Das Wesen trat einen Schritt näher, und der Gestank von Blut und Verfall füllte die Höhle. Es brüllte, ein schreckliches, kehliges Geräusch, das die Flammen des Feuers erzittern ließ. Seine Klauen, lang und scharf wie Dolche, blitzten im Licht auf. Doch es war mehr als ein Tier. Ich sah es in seinen Augen. Etwas in ihm erinnerte sich. Vielleicht an das, was es einmal war. Vielleicht an die Hoffnung, die es einst hierhergeführt hatte.
Ich hob das Schwert. „Bruder,“ sagte ich leise, doch meine Stimme zitterte. „Ich werde dich erlösen.“
Das war der Moment, in dem es auf mich zustürmte.
Seine Geschwindigkeit war unmenschlich. Ich hatte kaum Zeit, mich zu ducken, als eine der Klauen knapp an meinem Gesicht vorbeizischte und gegen die Felswand schlug, wo sie tiefe Furchen hinterließ. Ich ließ das Kettenschwert aufheulen, und die Zähne der Klinge rissen durch die Luft, als ich zuschlug. Der erste Schlag traf seine Schulter, und schwarzes Blut spritzte auf den Boden. Doch der Wulfen wich nicht zurück. Er packte mich mit einer Kraft, die mir den Atem raubte, und schleuderte mich gegen die Wand.
Mein Kopf dröhnte, und für einen Moment war alles verschwommen. Doch das Brüllen des Wulfen riss mich zurück in die Realität. Er warf sich erneut auf mich, und diesmal war ich bereit. Mit einem Aufschrei rammte ich die Klinge direkt in seinen Bauch. Das Kettenschwert biss sich durch Fleisch und Knochen, und das Brüllen des Wulfen wurde zu einem Schrei, der durch Mark und Bein ging.
Doch selbst jetzt, als das Leben aus ihm wich, hielt er nicht inne. Mit letzter Kraft griff er nach mir, seine Krallen ziehen tiefe Furchen über meine Brust und ich sah, wie seine Augen für einen Moment klar wurden. Menschlich.
Ich starrte ihn an, und die Zeit schien stillzustehen. Ich sah in ihm nicht nur das Monster, sondern auch den Mann, der er einmal gewesen war. Ein Pilger, ein Suchender, genau wie ich. Er wollte etwas sagen, doch kein Wort kam über seine Lippen. Stattdessen fiel sein Blick auf das Amulett, das wiederum um meinen Hals hing. In seinen Augen lag eine stumme Bitte.
„Es tut mir leid,“ flüsterte ich, während ich die Klinge drehte und seinen Leidensschrei beendete.
Sein Körper fiel schwer zu Boden, und für einen Moment war alles still. Das Feuer knisterte leise, und der Gestank von Blut und Tod erfüllte die Höhle. Ich ließ das Schwert sinken und starrte auf das, was ich getan hatte. Das Amulett, das um seinen Hals hing, schien im Licht zu schimmern, als wollte es mich anklagen.
Ich nahm es ab, vorsichtig, fast ehrfürchtig, und hielt es in meinen Händen. Es war das Symbol des Roten Wolfs, das gleiche, das ich um meinen eigenen Hals trug. Doch dieses hier war alt, zerkratzt und abgenutzt, als hätte es unzählige Leben überdauert.
Ich weiß nicht, wer dieser Wulfen einmal war, aber ich weiß, dass er gescheitert ist. Und ich frage mich, ob ich eines Tages dasselbe Schicksal teilen könnte.
Der Rote Wolf prüft uns alle. Doch manchmal frage ich mich, ob seine Prüfungen zu schwer sind, zu grausam. Was ist, wenn ich mich eines Tages nicht als würdig erweise? Werde ich dann auch zu einem Wulfen? Ein Monster, das von Erinnerung und Schmerz gequält wird?
Ich habe überlebt. Aber zu welchem Preis?
Die Nacht ist vorbei, doch die Dunkelheit bleibt in meinem Herzen. Der Weg ist noch lang. Und ich beginne zu zweifeln, ob ich ihn bis zum Ende gehen kann.
Die Reise geht weiter.
Tagebuch von Zandalf, dem Schamanen des Roten Wolfs – Eintrag 7
Die Höhle, 17. Nacht der Reise (fortgesetzt)
Der Schmerz durchzieht meinen Körper wie ein zäher Fluss aus Eis. Jede Bewegung bringt neue Qualen mit sich, und doch wage ich es nicht, still zu verharren. Das Feuer flackert vor mir, die Flammen tanzen hoch und wild, aber sie spenden keine Wärme. Es ist, als habe die Dunkelheit dieser Höhle einen Bann über mich gelegt, ein unsichtbares Netz aus Kälte, das selbst die heißeste Glut nicht durchbrechen kann.
Mit zitternden Händen strecke ich mich nach dem Feuerholz aus, werfe einen weiteren Scheit ins Feuer. Doch es hilft nicht. Mein Atem kommt stoßweise, sichtbar in der frostigen Luft. Die Wände der Höhle scheinen enger zu rücken, und mein Blick wandert unwillkürlich zu dem reglosen Körper des Wulfen, der nur wenige Schritte von mir entfernt liegt.
Das Fell des Wesens glänzt schwarz im Licht des Feuers, dicht und unversehrt trotz der Wunden, die meine Klinge ihm zugefügt hat. Und dann... dann spüre ich es. Einen Gedanken, der sich langsam in meinem Geist formt, wie ein leises Flüstern, das immer lauter wird.
Die alte Legende.
Die Worte meines Vaters kehren zu mir zurück, gesprochen an einem kalten Winterabend, als wir gemeinsam um ein Feuer saßen. „Wenn ein Pilger scheitert,“ hatte er gesagt, „wenn er nicht würdig ist, nimmt der Rote Wolf ihm alles – seine Menschlichkeit, seine Seele. Doch für jene, die stark genug sind, seine Prüfungen zu bestehen, gibt es eine Möglichkeit, aus den Fehlern der Gefallenen zu lernen. Das Fell des Wulfen zu tragen und sein Herz zu essen – roh – wird dir die Stärke und Einsicht geben, die du brauchst.“
Ich habe damals nicht daran geglaubt. Es klang wie eine düstere Mär, eine Warnung, um uns zu disziplinieren. Doch nun, in diesem Moment, scheint es mir wie die einzige Wahrheit. Mein Blick bleibt auf dem leblosen Wulfen haften, und ich weiß, was ich tun muss.
Es ekelt mich an. Der Gedanke allein ist schwer zu ertragen, aber die Kälte in meinen Gliedern und der Schmerz meiner Wunden zwingen mich, über meinen Stolz hinauszusehen. Wenn ich überleben will – wenn ich diese Reise beenden will – muss ich tun, was getan werden muss.
Die Jagd nach Wärme
Ich schleppe mich zu dem Wulfen, mein Körper protestiert bei jedem Schritt, und doch zwinge ich mich vorwärts. Als ich nahe genug bin, um ihn zu berühren, halte ich inne. Die Luft um ihn herum scheint schwerer, dichter, als würde ein dunkler Schatten über seinem toten Körper wachen. Aber ich habe keine Wahl.
Mit meinem Messer beginne ich, das Fell abzuziehen. Es ist kein leichter Prozess. Die Klauen und der dichte Pelz wehren sich gegen meine ungeschickten, zitternden Hände, aber schließlich schaffe ich es. Das schwarze Fell liegt vor mir, eine groteske Trophäe, die an das erinnert, was dieses Wesen einmal gewesen ist.
Ich lege es um meine Schultern, und sofort spüre ich, wie die Kälte nachlässt. Es ist nicht angenehm – das Fell ist feucht und riecht nach Tod – aber es erfüllt seinen Zweck. Die Wärme, die es mir gibt, ist nicht die des Feuers, sondern etwas Tieferes, Ursprünglicheres. Es ist, als würde die Stärke des Wulfen langsam in mich übergehen.
Das Herz
Doch das Fell allein reicht nicht. Die Legende spricht von dem Herzen – dem Sitz der Seele und der Erinnerung des Wulfen. Ich starre auf den Brustkorb des Wesens, auf die Stelle, an der das Herz noch immer verborgen liegt. Meine Hände zittern, aber ich zwinge mich, weiterzumachen.
Mit mehreren Schnitten öffne ich die Brust des Wulfen. Das Herz liegt dort, groß und dunkel, pulsierend in einer seltsamen Stille, als hätte es noch immer etwas Leben in sich. Ein Schauer läuft mir über den Rücken, aber ich erinnere mich an die Worte meines Meisters: „Du musst es roh essen, um die Wahrheit zu erfahren.“
Ich schließe die Augen und nehme das Herz in die Hände. Es ist warm, und die Wärme breitet sich in meinen kalten Fingern aus, während ein Teil von mir rebelliert. Doch ich habe keine Wahl. Ich nehme einen Bissen.
Die Vision
In dem Moment, in dem das Fleisch meine Zunge berührt, ist es, als würde die Welt um mich herum explodieren. Ich bin nicht mehr in der Höhle. Stattdessen sehe ich Bilder – Fragmente von Erinnerungen, die nicht meine eigenen sind.
Ich sehe den Pilger, der der Wulfen einmal war. Er wandert durch dichte Wälder, betet zum Roten Wolf und fleht um Erleuchtung. Doch ich sehe auch seinen Stolz, seine Zweifel, die Entscheidungen, die ihn auf den falschen Pfad führten. Er war nicht würdig, nicht bereit, und doch wollte er den Weg erzwingen.
Und dann sehe ich mich selbst. Ich sehe meine eigenen Schwächen, meine Ängste, die dunklen Gedanken, die ich vor mir selbst verberge. Die Vision ist unerbittlich, zeigt mir alles, was ich nicht sehen will. Doch sie zeigt mir auch, dass ich eine Wahl habe – dass ich aus den Fehlern des Pilgers, den Fehlern des Wulfen lernen kann.
Als ich zurück in die Realität finde, liege ich auf dem kalten Boden der Höhle. Mein Atem geht schwer, und das Herz ist verschwunden. Doch ich fühle mich... anders. Die Wunden, die ich getragen habe, schmerzen weniger, und die Kälte hat sich zurückgezogen. Etwas in mir hat sich verändert, etwas, das ich noch nicht ganz verstehe.
Die Reise geht weiter
Tagebuch von Zandalf, dem Schamanen des Roten Wolfs – Eintrag 8
Das Eis und das Jagen des Karibus
Ich verlasse die Höhle in der Morgendämmerung. Der Wind ist rau, peitscht mir eisige Kälte ins Gesicht, doch das Fell des Wulfen hält mich warm. Ich spüre, dass ich mich verändert habe. Irgendetwas in mir ist erwacht – etwas Altes, etwas, das nicht ganz menschlich ist.
Vor mir erstreckt sich eine endlose weiße Weite. Der Pfad führt über zugefrorene Seen und tückische Schneefelder, in denen der Tod unter dünnem Eis lauert. Ich setze einen Fuß vor den anderen, vorsichtig, tastend. Das Eis knirscht unter mir, ein warnendes Lied der Natur. Ein falscher Schritt, und es wird mich verschlingen.
Einmal gibt das Eis unter meinem Fuß nach – ein Riss, ein lautes Knacken, und mein Herz rast. Instinktiv verlagere ich mein Gewicht zurück, drücke mich flach auf den Boden. Sekunden vergehen, in denen ich nur atme, die Ohren auf jedes kleinste Geräusch gerichtet. Dann taste ich mich weiter vor.
Nach einer Weile beginne ich zu verstehen. Das Eis spricht zu mir – in Nuancen, die ich lange nicht mehr wahrgenommen habe. Ich spüre, wo es trägt, wo es nachgibt. Meine Sinne sind geschärft, meine Schritte präziser. Ich weiß nicht, ob es die Erfahrung ist oder das, was ich in der letzten Nacht getan habe. Aber ich beginne, mich dem Eis anzupassen, wie ein Tier, das in seinem Element überlebt. Dann entdecke ich die Spur.
Die Jagd
Frische Abdrücke im Schnee. Groß, tief – ein Karibu oder etwas in der Art. Mein Herz schlägt schneller. Ich folge der Spur fast instinktiv, ohne nachzudenken. Jeder Muskel in meinem Körper spannt sich, als wäre ich geboren, um genau das zu tun.
Nach einer Weile erspähe ich es. Ein mächtiger Bulle, allein, sein Fell von Reif überzogen. Er gräbt mit seinen Hufen nach Flechten unter dem Schnee, ahnungslos, dass er beobachtet wird.
Mein Mund wird trocken. Etwas in mir erwacht – ein Verlangen, das ich nicht erwartet habe. Kein Hunger, kein bloßes Bedürfnis zu überleben. Etwas Ursprüngliches. Die Jagd selbst.
Ich gehe tief in die Knie, bewege mich leise, geduckt wie ein Schatten. Ich spüre meine Atmung, meinen Herzschlag, die Spannung in meinen Muskeln. Ich bin nicht länger nur ein Mensch. Ich bin Jäger.
Dann werfe ich den Speer, den ich mir am Morgen gebaut habe. Er trifft tief in die Seite des Karibus. Das Tier schreit, bäumt sich auf und versucht zu fliehen, doch das Eis unter seinen Hufen ist glatt, tückisch. Es taumelt, fällt, versucht erneut aufzustehen.
Ich renne. Ohne nachzudenken, ohne zu zögern. Mein Speer steckt tief, aber es lebt noch. Ich erreiche es, bringe mein Messer an seine Kehle. Das Karibu bäumt sich noch einmal auf, bevor es still wird.
Mein Atem geht schwer. Ich knie mich neben das Tier, lege eine Hand auf sein warmes, dampfendes Fell. Ich murmele ein altes Gebet. Ein Dank an das Karibu. Ein Dank an den Roten Wolf. Dann beginne ich, es auszunehmen.
Ich bin nicht mehr derselbe wie vor dieser Reise. Und doch spüre ich, dass ich meinem wahren Selbst näherkomme.
Die Reise geht weiter
Tagebuch von Zandalf, dem Schamanen des Roten Wolfs – Eintrag 9
Der erste Hauch von Erde
Die Tage im Eis verschwimmen. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich gewandert bin, nur dass ich mich kaum noch an das Gefühl von Wärme erinnern kann. Mein Fell schützt mich vor der schlimmsten Kälte, doch die Einsamkeit lastet schwer auf mir. Ich spreche mit mir selbst – zuerst, um nicht den Verstand zu verlieren. Doch mittlerweile fühlt es sich an, als wäre ich nicht allein.
Gestern geschah etwas Unerwartetes. Ich sah Erde.
Zuerst glaubte ich an eine Täuschung – meine Augen spielen mir oft Streiche in diesem endlosen Weiß. Doch als ich näher trat, sah ich es deutlich: Ein dunkler Fleck, wo der Schnee dünner war. Ich kniete mich nieder, ließ meine Finger durch die harte, gefrorene Erde gleiten. Es war nicht viel, kaum größer als meine Handfläche, aber es war ein Zeichen.
Der richtige Weg. Ich atmete tief durch, fasste neuen Mut. Wo Erde ist, ist Leben.
Spuren der Vergangenheit
Mit neuem Antrieb setzte ich meine Reise fort. Die Tage zogen weiter, der Hunger nagte an mir, doch der Gedanke an das, was vor mir lag, hielt mich aufrecht.
Dann, heute Morgen, sah ich es.
Ein Schatten unter einer Schneeverwehung, eine merkwürdige Form. Ich grub mit bloßen Händen, mein Herz schlug schneller. Und dann legte ich es frei.
Ein Stück Mauerwerk.
Nicht viel – nur ein Teil einer alten Wand, halb zerfallen, vom Eis umklammert. Doch es war da. Kalt, tot und doch voller Geschichten.
Ich fuhr mit den Fingern über die raue Oberfläche. Wer hat diese Mauern gebaut? Wann? Und warum wurde es verlassen?
Es waren nur Bruchstücke. Doch ich wusste: Ich war nicht der Erste, der diesen Weg gegangen ist.
Und vielleicht würde ich nicht der Letzte sein.
Die Reise geht weiter
Tagebuch von Zandalf, dem Schamanen des Roten Wolfs – Eintrag 10
Schatten im Feuerlicht
Ich rede mit mir selbst. Immerzu.
Meine Stimme ist meine einzige Gesellschaft, mein einziger Anker. Wenn ich schweige, höre ich das Eis atmen, höre die Kälte flüstern. Also spreche ich. Manchmal leise, manchmal laut. Manchmal erzähle ich mir alte Geschichten, manchmal führe ich Gespräche, die nie stattgefunden haben.
Heute Nacht, am Feuer, war ich nicht mehr allein.
Es war ein kleines Feuer, kaum mehr als eine zitternde Flamme, gefüttert von trockenem Karibu-Knochen und alten Fasern aus meinem Mantel. Ich kaute auf den letzten Fleischresten, spürte die harte Kälte in meinen Knochen. Und dann – dann bewegte sich etwas im Dunkeln.
Zuerst dachte ich, der Schlaf überfalle mich. Doch nein. Die Gestalt blieb. Und als sie näher trat, erkannte ich ihr Gesicht.
Kolenia.
Ihr Blick war hart, ihre Haltung aufrecht. Sie ließ sich lautlos am Feuer nieder, ihr rotes Haar glänzte im flackernden Licht.
"Du bist nicht wirklich hier", flüsterte ich.
Sie lachte leise. "Und dennoch siehst du mich, oder?"
Ich schwieg. Vielleicht war das hier nur ein weiterer Kampf um meinen Verstand. Vielleicht war sie nur die Stimme meines schlechten Gewissens, das sich eine Gestalt gesucht hatte.
Doch dann begann sie zu sprechen.
"Du hast uns verlassen."
"Ich habe getan, was ich tun musste."
"Was du tun wolltest," fauchte sie. "Du bist gegangen und hast uns im Stich gelassen. Hast dich deinem Ego geopfert, statt deinem Volk zu dienen!"
Zorn stieg in mir auf. "Nein! Ich bin gegangen, weil es der einzige Weg war! Der Stamm war schwach, wir hatten den roten Wolf vergessen! Ohne ihn sind wir verloren!"
"Und du meinst, du allein kannst ihn zurückbringen?" Ihre Augen verengten sich. "Du, der auf der Pilgerfahrt beinahe gestorben wäre? Der den Wulfen töten musste, um zu überleben? Was, wenn du längst selbst einer von ihnen bist?"
Ich schüttelte den Kopf. "Ich bin immer noch ich."
Kolenia beugte sich vor. "Bist du das? Oder bist du nur noch ein Schatten von dem, der du warst?"
Ich wollte antworten – doch da war sie fort. Nur das Feuer knisterte leise, als wäre nie jemand dagewesen.
Ich saß da, die Knochen des Karibus in meiner Hand. Meine Gedanken rasten.
Bin ich wirklich noch ich selbst? Oder hat mich das Eis längst verändert?
Die Reise geht weiter
Tagebuch von Zandalf, dem Schamanen des Roten Wolfs – Eintrag 11
Schuld in der Nacht
Der Wind spricht mit mir. Er trägt die Stimmen derer, die ich verloren habe. Und sie lassen mich nicht ruhen. Seit jener Nacht, in der Kolenia am Feuer saß, hallen ihre Worte in meinem Kopf wider. Habe ich den Stamm verraten? Habe ich nur meinem eigenen Weg gedient, statt dem Wohl meines Volkes? Sollte ich umkehren? Doch wenn ich das täte – wäre das nicht der wahre Verrat an allem, was ich auf dieser Reise erduldet habe? Ich weiß es nicht. Die Tage ziehen sich, die Nächte noch mehr.
Und dann – wieder.
Ich hatte mich tief in meinen Mantel gehüllt, den Kopf auf meinen Arm gelegt, das Feuer niedergebrannt auf glimmende Kohlen. Meine Gedanken trieben mich in einen unruhigen Halbschlaf. Und dann hörte ich es. …. Schritte. Nicht das sanfte Knirschen von fallendem Schnee, nicht das Wispern des Windes über Eis. Feste, schwere Schritte.
Ich öffnete die Augen. Und er stand da.
Arjac. Ich sog scharf die Luft ein.
Er sah aus wie damals. Sein massiger Körper, seine geflochtenen Haare, die schartigen Narben auf seinen Armen. Doch seine Augen… sie waren dunkel, leer.
"Du warst nicht da." Seine Stimme klang, als käme sie aus einer tiefen Höhle, von weit, weit her.
Ich schluckte. "Arjac… du bist tot."
"Und wessen Schuld ist das?" Er trat näher, das Feuer warf unnatürliche Schatten über sein Gesicht.
"Nicht meine."
"Nicht?" Er lachte, doch es war ein kaltes, schneidendes Geräusch. "Du hättest da sein müssen, Zandalf. Du hättest kämpfen müssen. Aber du warst fort, wie immer. Immer auf der Suche nach etwas, das du niemals finden wirst."
Mein Atem wurde schwer. Die Worte bohrten sich in meine Brust wie glühende Klingen. Ich hatte mir diese Vorwürfe schon so oft selbst gemacht. Ich hätte nichts tun können. Und doch… war es nicht feige, sich einfach damit abzufinden?
"Ich war weit weg, Arjac," flüsterte ich. "Ich habe erst Tage später von deinem Tod erfahren. Was hätte ich tun sollen?"
"Da sein," knurrte er. "Für mich. Für den Stamm. Aber du warst nicht da. Und jetzt bist du wieder fort, während dein Volk stirbt."
Ich schüttelte den Kopf. "Nein… ich bin auf dem richtigen Weg. Ich muss den Roten Wolf zurückbringen."
Arjac trat noch näher, sein Gesicht verzog sich zu einer harten Maske. "Bist du sicher, Zandalf? Oder redest du dir das nur ein, damit du der Wahrheit nicht ins Gesicht sehen musst?"
Ich wollte antworten – doch dann war er verschwunden. Kein Geräusch, kein Schatten. Nur die dunkle Nacht und das Sterben meines Feuers. Ich legte meine Hände in den Schnee. Sie zitterten.
Wie viele Nächte noch? Wie viele Geister werden kommen, um mich zu prüfen? Und… werde ich diesen Prüfungen standhalten? Die Reise geht weiter
Tagebuch von Zandalf, dem Schamanen des Roten Wolfs – Eintrag 12
Die schwerste Prüfung
Ich kann nicht mehr.
Mein Körper ist nur noch Schmerz. Jeder Schritt ist eine Qual. Der Wind peitscht unbarmherzig über die weite, endlose Schneelandschaft, schneidet mir ins Gesicht, zieht mir die Wärme aus den Knochen. Ich taumle, falle fast. Ich will mich hinlegen, einfach aufgeben. Der Schnee würde mich umarmen, mich zur Ruhe bringen.
Und vielleicht wäre das besser so.
Ich weiß nicht mehr, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Die Stimmen der Vergangenheit haben mich zermürbt, haben an mir gezerrt wie Aasfresser an einem Kadaver. Kolenia, Arjac – sie haben mich mit meiner Schuld konfrontiert, mit dem, was ich zurückgelassen habe.
Und vielleicht hatten sie recht.
Ich bleibe stehen, starre zurück in die Ferne, dorthin, wo mein Weg begann. Ich könnte umkehren. Vielleicht würde der Stamm mich wieder aufnehmen. Vielleicht könnte ich einen anderen Weg finden, einen leichteren.
Meine Hände zittern.
Ein Schritt zurück.
Ein zweiter.
Dann halte ich inne. Ich blicke nach vorn, sehe nur Schnee und Dunkelheit. Ich blicke zurück – und sehe dasselbe. Es gibt keinen Unterschied. Der Weg zurück ist genauso endlos wie der Weg nach vorn.
Die Nacht kommt schnell. Ich schaffe es, ein spärliches Feuer zu entfachen, doch die Kälte bleibt in mir. Ich bin am Ende. Ich schließe die Augen, spüre, wie der Schlaf mich holt.
Und dann höre ich ihn.
Eine Stimme, tief und vertraut.
"Mein Sohn."
Ich zucke zusammen. Ich kenne diese Stimme. Sie ist in mir eingebrannt wie das Echo eines vergessenen Liedes. Ich öffne die Augen.
Er steht da.
Mein Vater.
Er ist kaum gealtert, sein Gesicht ist hart und kantig, so wie ich ihn in Erinnerung habe. Sein Blick ist durchdringend, forschend – voller Enttäuschung.
"Vater?" flüstere ich.
Er verschränkt die Arme. "Du hast uns verlassen."
Ich spüre einen Kloß in meiner Kehle. "Ich… ich musste gehen. Für den Stamm. Für eine neue Heimstätte."
Seine Miene verfinstert sich. "Für den Stamm? Oder für dich selbst?"
Ich will antworten, doch die Worte bleiben mir im Hals stecken.
"Deine Mutter hat geweint, als du fortgingst. Dein Bruder hat deinen Namen verflucht. Und ich…" Er schüttelt den Kopf. "Ich wusste, dass du nie zurückkommen würdest."
"Ich wollte eine neue Heimat für uns finden!" rufe ich.
"Und dabei hast du deine alte verloren."
Ich balle die Fäuste. "Ich tat, was ich für richtig hielt."
Er tritt näher, seine Augen brennen in die meinen. "Und jetzt? Bist du noch immer so sicher?"
Ich öffne den Mund – dann halte ich inne. Bin ich noch sicher? Oder haben mich Zweifel längst verschlungen?
Mein Vater lehnt sich vor. "Du bist wie das Eis unter deinen Füßen, Zandalf. Rissig. Spröde. Und kurz davor zu brechen."
Ich kann nicht antworten. Ich kann nichts tun, außer ihn anzustarren.
Dann dreht er sich um, verschwindet in der Dunkelheit.
Und ich bleibe allein zurück.
Die Reise geht weiter
Tagebuch von Zandalf, dem Schamanen des Roten Wolfs – Eintrag 13
Der Abgrund
Ich kann nicht mehr.
Ich sitze da, starr vor Kälte, vor Erschöpfung, vor Verzweiflung. Der Morgen bricht über das gefrorene Land herein, aber ich spüre keine Wärme. Nur Leere.
Meine Glieder sind steif, meine Wunden pochen dumpf unter den Lagen von Fell und Stoff. Jeder Atemzug brennt in meiner Brust. Doch all das ist nichts im Vergleich zu dem, was in mir tobt.
Ich bin allein.
Ich bin gescheitert.
Ich blicke auf meine Hände. Sie zittern. Sie waren immer stark, immer sicher – doch jetzt? Jetzt sind sie schwach, nutzlos.
Langsam stehe ich auf. Jeder Muskel protestiert. Ich greife nach meinem Gepäck, blicke zurück in die Richtung, aus der ich gekommen bin. Ich könnte umkehren.
Ja.
Ich sollte umkehren.
"Was bringt das alles noch?" murmle ich. Ich weiß nicht, ob ich mit mir selbst spreche oder mit dem, der mich all die Zeit geprüft hat.
Der Rote Wolf. Ich blicke zum Himmel, meine Augen brennen.
"Was willst du noch von mir?" rufe ich in die Stille.
Meine Stimme hallt über das Eis, doch keine Antwort kommt.
"Ich habe alles gegeben!" schreie ich. "Meinen Körper, meinen Geist, mein Leben! Ich habe gekämpft, gelitten, geblutet – und wofür?!"
Nur Wind.
Ich balle die Fäuste. Tränen laufen mir über das Gesicht, gefrieren auf meiner Haut.
"Ich habe meinen Stamm verlassen, weil ich an deinen Weg geglaubt habe! Ich habe Arjac sterben lassen! Ich habe meine Familie im Stich gelassen! Alles um dir zu folgen! Und du… du lässt mich im Stich?!"
Ich keuche, schnappe nach Luft. Mein Kopf pocht, meine Knie zittern.
Dann setze ich den ersten Schritt zurück….
Und da sehe ich sie……. Spuren im Schnee.
Nicht eine, nicht zwei – Dutzende. Sie umringen mein Lager, verlaufen in alle Richtungen, als wäre in der Nacht ein ganzes Rudel um mich herumgeschlichen.
Ich halte den Atem an.
Wölfe.
Ich kniee nieder, berühre eine der Spuren mit den Fingerspitzen. Frisch.
Das ist kein Zufall. Das kann kein Zufall sein, es darf keiner sein.
Langsam hebe ich den Kopf, blicke in die Weite. Mein Herz hämmert in meiner Brust.
Der Rote Wolf hat geantwortet.
Nicht mit Worten. Nicht mit einem Zeichen, das jeder Narr verstehen würde.
Sondern mit Spuren.
Mit einem Weg.
Ich atme tief durch, meine Schultern zittern. Dann drehe ich mich um.
Und gehe vorwärts.
Die Reise geht weiter
Tagebuch von Zandalf, dem Schamanen des Roten Wolfs – Eintrag 14
Spuren im Schnee
Ich folge den Wölfen.
Ihre Spuren schlängeln sich durch das gefrorene Land, verschwinden manchmal unter einer dünnen Schneeschicht, tauchen dann wieder auf. Sie führen mich durch Schluchten, über vereiste Flüsse, an steilen Klippen entlang, an denen der Wind wie ein hungriges Biest heult.
Doch ich bin nicht allein.
Immer öfter entdecke ich Zeichen einer alten Zivilisation. Erst war es nur ein verrosteter Metallhaken, halb im Eis versunken. Dann ein zerbrochener Schlitten, Holz und Leder zerfressen von der Zeit.
Heute habe ich ein Skelett gefunden.
Nicht das eines Menschen, sondern eines Karibus. Die Knochen waren sauber, fast kunstvoll abgenagt, die Rippen halb aus dem Schnee ragend wie die Finger eines Toten, die nach dem Himmel greifen.
Es war das Werk der Wölfe.
Die wahren Jäger dieser Welt.
Ich kniete mich nieder, strich mit den Fingern über das gefrorene Geweih. Ein Teil von mir schämte sich, das Fleisch des Karibus an mich zu nehmen. Doch ein anderer Teil – der, der längst eins mit der Wildnis geworden war – verstand, dass dies ein Geschenk war.
Ich dankte dem Roten Wolf für seine Gnade und verbrachte die Nacht bei den Knochen des Tieres.
Ein Besucher aus der Vergangenheit
Ich wusste, dass jemand kommen würde.
Seit der ersten Nacht, als Kolenia mich heimsuchte, wusste ich, dass die Geister meiner Vergangenheit mich nicht in Frieden lassen würden. Sie kamen nicht aus Bosheit – nein, sie waren Prüfungen, Erinnerungen an das, was ich war.
Diesmal war es mein Bruder.
Ich sah ihn am Rande des Feuers sitzen, seine Beine angezogen, sein Gesicht jung und voller Leben – so, wie ich ihn in Erinnerung hatte.
„Erinnerst du dich an den ersten Schnee, Zandalf?“ fragte er.
Seine Stimme klang warm, vertraut.
Ich nickte.
„Wir waren Kinder“, fuhr er fort. „Wir rannten durch den Wald, unsere Füße versanken tief im Weiß. Mutter rief uns, aber wir hörten nicht. Wir wollten den höchsten Hügel erklimmen, die Welt von oben sehen.“
Ich schloss die Augen. Ja, ich erinnerte mich.
Der kalte Wind auf unseren Gesichtern. Unser Lachen. Die unbändige Freiheit.
Mein Bruder lächelte. „Du warst schon immer der Mutigere von uns beiden. Du hast mich getragen, wenn ich nicht weiter konnte. Ich habe mich immer sicher gefühlt, wenn du da warst.“
Ich spürte einen Stich in meiner Brust.
„Und dann bist du gegangen.“
Ich senkte den Blick.
„Ich weiß, warum du es getan hast“, sagte er sanft. „Ich verurteile dich nicht. Aber ich vermisse dich.“
Ich sah auf. Seine Augen waren traurig, aber voller Wärme.
„Wenn du deinen Weg findest… wenn du zurückkehrst zum Glauben… besuch mich, ja?“
Ich wollte etwas sagen, doch er war bereits fort.
Nur das Knistern des Feuers blieb zurück.
Ich saß lange da, starrte in die Flammen, während die Erinnerungen an eine verlorene Kindheit mich umfingen.
Ich wusste nicht, ob ich weinen oder lachen sollte.
Ich wusste nur eines:
Die Reise geht weiter
Tagebuch von Zandalf, dem Schamanen des Roten Wolfs – Eintrag 21
Ein Teil des Rudels
Eine Woche ist vergangen.
Eine Woche, in der ich dem Pfad der Wölfe gefolgt bin, weiter nach Norden, immer weiter. Ich habe aufgehört, an sie als bloße Tiere zu denken. Nein – es fühlt sich nicht mehr so an, als würde ich ihnen folgen.
Es fühlt sich an, als würde ich nach Hause kommen.
Der Schnee unter meinen Füßen ist nicht länger Feind, sondern Freund. Der Wind, der mir einst gnadenlos ins Gesicht peitschte, flüstert mir nun alte Geschichten zu. Ich spüre die Welt um mich herum mit einer Klarheit, die ich nie zuvor gekannt habe.
Ich bin nicht allein.
Das Rudel zeigt sich
Heute geschah es zum ersten Mal.
In der Dämmerung, als der Himmel in violettes Licht getaucht war, sah ich sie.
Dunkle Schatten in der Ferne, lautlos auf dem Schnee. Augen, die in der Dunkelheit aufblitzten. Ich hielt den Atem an, wagte nicht, mich zu bewegen.
Dann – ein Laut.
Ein Heulen, langgezogen und tief, vibrierend in meiner Brust. Ein Ruf.
Ich wusste nicht, ob es mir galt oder dem Wind, doch ich erwiderte ihn nicht. Noch nicht.
Die Wölfe verschwanden, so plötzlich, wie sie gekommen waren. Doch ich wusste, dass sie mich beobachteten.
Sie prüften mich.
Ich muss mich beweisen.
Muss zeigen, dass ich würdig bin.
Muss zeigen, dass ich ein Teil des Rudels bin.
Die Jagd
Mein Körper verändert sich.
Ich kann es spüren.
Die Tage in der Wildnis haben mich geschärft, meine Sinne geschärft. Ich höre das leise Knirschen des Schnees unter verborgenen Pfoten, spüre die kleinste Veränderung im Wind. Mein Hunger ist nicht mehr der eines einfachen Mannes, sondern der eines Jägers.
Heute habe ich erneut eine Spur entdeckt – nicht die der Wölfe, sondern die eines Karibus. Frisch.
Ohne zu zögern folgte ich ihr, geduckt, meine Bewegungen leise wie der fallende Schnee. Ich wusste, dass ich es diesmal ohne Speer tun musste.
Ein Jäger des Rudels nutzt seine Instinkte.
Das Karibu war stark, doch es war allein. Ich spürte den Rausch der Jagd in meinen Adern, das Feuer, das mich trieb. Als ich zuschlug, tat ich es mit der Wildheit eines Wolfes.
Als das Tier fiel, keuchte ich – nicht vor Erschöpfung, sondern vor einem tiefen, uralten Gefühl.
Ich riss ein Stück Fleisch aus seinem Leib und aß es roh.
Das Blut rann warm meine Kehle hinunter.
Ich bin ein Teil dieses Landes. Ein Teil der Wölfe.
Ich bin nicht mehr der Mann, der einst das Dorf verließ.
Ich bin etwas Neues.
Und bald… werde ich ihnen folgen, nicht als Fremder, sondern als einer der Ihren.
Die Reise geht weiter
Tagebuch von Zandalf, dem Schamanen des Roten Wolfs – Eintrag 28
Der Bote
Eine Woche bin ich weitergezogen, Schritt für Schritt, Atemzug für Atemzug. Der Schnee weicht nicht, die Kälte bleibt mein ständiger Begleiter, doch ich nehme sie nicht mehr wahr wie einst.
Ich habe gelernt, ihr Lied zu verstehen.
Die Wölfe sind mir immer nah. Ich sehe ihre Spuren, höre ihr Heulen in der Ferne, manchmal sehe ich sogar ihre Schatten zwischen den Bäumen. Doch sie kommen nicht näher. Nicht ganz.
Nicht bis heute Nacht.
Der schwarze Wolf
Ich saß am Feuer, gedankenverloren, als er kam. Lautlos, wie aus dem Nichts.
Ein großer, schwarzer Wolf.
Nicht wie die anderen – nein, er war anders. Größer, seine Augen tief wie der Nachthimmel, sein Fell dunkler als die Schatten. Er setzte sich nur wenige Schritte von mir entfernt und sah mich an.
Er sagte nichts. Tat nichts.
Er sah mich nur an.
Minuten vergingen. Dann Stunden. Ich sprach nicht, wagte nicht, mich zu bewegen.
Ich konnte ihn spüren. Nicht nur mit meinen Augen, sondern tief in meiner Seele.
War er es? War er der aller erste Bote des Roten Wolfs?
War dies die Prüfung, auf die ich all die Zeit gewartet hatte?
Die Bedeutung des Schweigens
Als die Dunkelheit am tiefsten war, erhob er sich schließlich.
Langsam, bedächtig.
Er wandte sich nicht sofort ab, sondern hielt meinen Blick noch einen Moment lang. Dann drehte er sich um und verschwand lautlos in der Nacht, wie ein Geist.
Ich blieb zurück – voller Fragen, voller Ehrfurcht.
Die Geister meiner Vergangenheit hatten mich mit Worten gequält, mit Schuld und Zweifel.
Doch dieser Wolf sprach nicht.
Und doch sagte er mir mehr als alle anderen zusammen.
Dies war kein Geist aus meiner Vergangenheit.
Dies war eine Botschaft aus meiner Zukunft.
Ich weiß nicht, ob ich die Prüfung bestanden habe.
Aber ich weiß, dass mein Weg noch nicht zu Ende ist.
Die Reise geht weiter
Tagebuch von Zandalf, dem Schamanen des Roten Wolfs – Eintrag 29
Der Steinkreis
Als ich am Morgen erwachte, war ich allein.
Keine Spuren im Schnee. Keine Zeichen der Wölfe.
Nicht einmal jene des schwarzen Wolfs.
Es war, als hätte ich alles nur geträumt.
Ich suchte. Nutzte all meine Sinne, jeden Instinkt, den mir die Wildnis in den letzten Wochen geschärft hatte. Doch nichts.
Ich hätte an meinem Verstand zweifeln können. Vielleicht tat ich es kurz.
Doch diesmal ließ ich es nicht zu.
Die Zweifel kamen – aber ich begegnete ihnen nicht mit Angst, nicht mit Schuld.
Ich begegnete ihnen mit dem Feuer meines Glaubens.
Ich ging weiter.
Der Kreis der Prüfung
Der Wind trieb mich nach Norden, als wolle er mich leiten. Stunden vergingen, die Landschaft änderte sich, und dann sah ich ihn:
Einen Kreis aus uralten Steinen, teils von Schnee bedeckt, teils vom Frost gezeichnet.
Sobald meine Augen ihn erfassten, wusste ich es.
Hier, an diesem Ort, würde meine letzte Prüfung stattfinden.
Der Himmel war tiefgrau, die Luft still.
Kein Laut außer meinem Atem und dem entfernten Knirschen des Schnees unter meinen Stiefeln.
Ich betrat den Kreis und spürte es sofort – eine Kraft, die sich nicht in Worten fassen ließ.
Ehrfurcht. Erwartung.
Hier würde sich alles entscheiden.
Ich sammelte Holz, bereitete ein Feuer.
Die Nacht würde lang werden.
Ich wusste nicht, was auf mich wartete.
Aber ich war bereit.
Die Reise geht weiter
Tagebuch von Zandalf, dem Schamanen des Roten Wolfs – Eintrag 30
Die Stimme in der Nacht
Die Glut des Feuers in der Mitte leckten an den Resten meines alten Lebens.
Meine Kleidung, meine Decke, meine Taschen – all das, was mich einst schützte, was mich wärmte, war nun Asche im Wind. Aufgegangen in den Flammen.
Ich stand nackt in der Mitte des Steinkreises, allein mit dem, was mir geblieben war: mein Medaillon und mein Glaube.
Die Kälte griff sofort nach mir, gnadenlos, mit scharfen Klauen, die sich tief in mein Fleisch gruben.
Der Wind schnitt durch mich hindurch wie eine Klinge aus Eis, und mein Atem kam in dampfenden Stößen.
Jeder Muskel in meinem Körper zog sich zusammen, jeder Instinkt schrie nach Wärme, nach Schutz.
Aber ich wankte nicht.
Denn dies war der Wille des Roten Wolfs.
Er gibt – und er nimmt.
Meine Haut wurde taub, mein Blick verschwamm. Mein Herz schlug schwer in meiner Brust.
Doch mein Geist?
Mein Geist brannte heller als jede Flamme.
Ich spürte ihn.
Den Roten Wolf.
Er war hier, ganz nah, ein Schatten zwischen den Bäumen, ein Atemzug in der Stille.
Er wartete.
Ich wusste, was ich tun musste.
Ich hob den Kopf, spürte den eisigen Wind auf meiner nackten Haut, ließ ihn mich durchdringen.
Dann öffnete ich den Mund – und ich heulte.
Nicht wie ein Mensch.
Nicht wie ein Fremder in der Wildnis.
Ich heulte wie ein Wolf.
Ein Ruf, geboren aus Leid und Erkenntnis, aus Verzweiflung und Hoffnung.
Ein Ruf, der tief aus meinem Innersten kam, der von den Felsen widerhallte, sich in die Dunkelheit stahl und in der Ferne widerklang.
Dann – Stille.
Ich spürte es, noch bevor ich sie sah.
Die Luft veränderte sich, wurde schwerer, lebendiger.
Und aus der Schwärze traten sie.
Erst einer. Dann zwei. Dann ein ganzes Rudel.
Wölfe.
Schwarz wie die Nacht, grau wie der Nebel, silbern wie das Mondlicht.
Sie schlichen aus dem Schatten, lautlos, mit Augen, die in der Dunkelheit glommen.
Sie umkreisten mich, schlossen mich in ihren Kreis.
Einer von ihnen – der größte unter ihnen, ein schwarzer Riese mit einem Fell so dunkel wie das Herz der Nacht – trat näher.
Er sah mich an.
Nicht mit den Augen eines Tieres.
Mit der Weisheit eines uralten Wesens.
Keiner fauchte, keiner knurrte.
Es gab keine Feindseligkeit, keine Angst.
Denn sie wussten es.
Ich war kein Fremder mehr.
Ich war Teil ihres Rudels.
Und dann, in der Stille der Nacht, hörte ich ihn.
Nicht mit meinen Ohren.
Mit meiner Seele.
Die Stimme des Roten Wolfs, tief wie grollender Donner, alt wie die Sterne selbst.
Er sprach zu mir.
Und endlich, nach all den Prüfungen, nach all dem Schmerz, nach all den verlorenen und wiedergefundenen Wegen –
verstand ich.
Tagebuch von Zandalf, dem Schamanen des Roten Wolfs – Eintrag 31
Der Wille des Roten Wolfs
Als die erste, blasse Morgendämmerung über das Land kroch, erwachte ich inmitten des Rudels.
Die Wölfe lagen eng an mich geschmiegt, ihre Körper warm, ihr Atem ruhig.
Doch als ich mich aufrichtete, waren sie verschwunden – als wären sie nur ein Traum gewesen, ein Flüstern des Windes.
Doch sie waren echt.
Und der Rote Wolf hatte gesprochen.
Ich spürte ihn noch in mir, sein Echo vibrierte in meinem Innersten, wie das leise Grollen eines entfernten Sturms.
Mein Blick wanderte zur Feuerstelle – und ich erstarrte.
Dort, wo ich am Abend zuvor meine Besitztümer den Flammen übergeben hatte, lagen sie nun wieder.
Unversehrt.
Meine Kleidung. Mein Pelz. Mein Beutel.
Ein Zeichen.
Der Rote Wolf hatte genommen – und nun zurückgegeben.
Nicht aus Mitleid.
Nicht, weil ich sie brauchte.
Sondern weil er es wollte.
Ich kniete mich nieder, berührte das Medaillon an meinem Hals. Es fühlte sich wärmer an als je zuvor.
Und dann hörte ich ihn.
Klarer als je zuvor.
Nicht als Flüstern. Nicht als Echo.
Seine Worte brannten sich in mein Herz.
"Dein Weg führt zurück. Zu deinem Stamm, zu deinem anderen Rudel."
Ein Schauer lief über meine Haut.
Es war endlich soweit, ich war würdig und durfte heimkehren.
Aber das war nicht alles.
Der Rote Wolf offenbarte mir zwei Aufgaben, die noch vor mir lagen.
Die erste war ein Rätsel:
Ich musste etwas finden, von dem ich noch nicht wusste, dass ich es suche.
Was auch immer es war – es würde sich mir offenbaren, zur rechten Zeit.
Die zweite Aufgabe war klar und deutlich.
Halte dein Wort!
Ich musste mein Versprechen an meinen Bruder halten.
Ich versprach ihm, sobald ich wieder festen Glaubens war, würde ich ihn besuchen.
Und dieser Moment war jetzt.
Mein Weg war nicht mehr der eines Suchenden.
Nicht mehr der eines Zweifelnden.
Ich bin Zandalf Honihaka Wakan Tanaka.
Der Bote des Roten Wolfs.
Sein Werkzeug. Sein Wille. Sein brennender Zorn!
Tagebuch von Zandalf, dem Boten des Roten Wolfs – Eintrag 20
Der Pfad zurück
Der Wind pfeift durch die weiten Ebenen aus Schnee und Eis, doch ich spüre keine Kälte mehr. Mein Körper ist erschöpft, gezeichnet von den Entbehrungen der letzten Wochen – aber mein Geist brennt lichterloh.
Ich bin nicht allein. Das Rudel folgt mir, oder vielleicht folge ich ihm. Die Wölfe sind meine Brüder, meine Führer in diesem wilden Land. Immer wieder ändern sie unmerklich die Richtung, lenken mich durch Täler, über zugefrorene Flüsse und durch Wälder, in denen der Schnee wie gespenstischer Staub auf den kahlen Ästen liegt.
Ich vertraue ihnen. Und dem Roten Wolf.
Denn seine Stimme ist jetzt immer bei mir. Kein Flüstern mehr, kein ferner Schatten eines Gedankens. Nein, er spricht mit Klarheit, mit Feuer, mit einer Macht, die mich erzittern lässt.
Und ich muss seine Worte bewahren.
Doch ich besitze nichts, um sie niederzuschreiben.
Kein Pergament. Keine Rinde. Keine Knochenplatte.
Also nehme ich, was ich habe. Meine Kleidung.
Mit der Feder einer Krähe ritze ich die Worte des Roten Wolfs in den Stoff meines Mantels, meines Hemdes, sogar in meine Stiefel. Jede freie Stelle wird zu einer Seite, jeder Fetzen Stoff zu einer heiligen Schrift.
Die Wahrheit des Roten Wolfs darf nicht vergessen werden.
Die Krähen wissen es.
Sie kreisen über mir.
Sie lesen mit.
Sie lachen.
Sie wissen, dass ich endlich verstanden habe.
Ich schreibe weiter, bis meine Finger steif werden.
Bis die Tinte aus Asche und Blut verblasst.
Bis meine Kleidung nicht mehr nur Kleidung ist, sondern ein Testament.
Ein Manifest.
Denn ich bin der Bote des Roten Wolfs.
Tagebuch von Zandalf, dem Boten des Roten Wolfs – Eintrag 21
Finden
Die Jagd war gut. Das Rudel und ich jagten gemeinsam, als wären wir ein einziger Leib, eine Bewegung, ein Gedanke. Das Karibu fiel schnell, ohne Leid, ohne unnötigen Schmerz. So, wie es der Rote Wolf will. Ich aß, fühlte die Wärme des Feuers auf meiner Haut und den tiefen Frieden der Wildnis in meinem Herzen. Ich machte es mir bequem, doch der Schlaf wollte mich nicht finden.
Etwas stimmte nicht.
Zuerst war es nur ein Gefühl, ein dumpfes Ziehen irgendwo in meinem Innersten. Ein Flüstern, das in meinen Gedanken tanzte. Es war kein Wort, keine klare Stimme – nur eine Ahnung. Eine Unruhe, die mich zwang, meine Augen zu öffnen und in die dunkle Nacht hinauszublicken.
Ich stand auf.
Die Wölfe lagen zusammengerollt am Feuer, ihr Atem stieg in leichten Nebelschwaden auf. Ihre Ohren zuckten gelegentlich, doch keiner von ihnen rührte sich.
Dann sah ich ihn.
Den Felsspalt.
Ich war sicher, dass er vorher nicht da gewesen war. Ich hätte ihn bemerkt – ich hätte ihn bemerken müssen!
Und doch stand er da, kaum einen Steinwurf entfernt, als hätte die Wildnis ihn für mich geöffnet. Oder als hätte sie ihn stets verborgen gehalten, bis ich bereit war, ihn zu sehen.
Mein Herz schlug schneller, als ich näher trat. Die Luft um den Spalt herum fühlte sich anders an – schwer, dicht, geladen mit etwas, das ich nicht greifen konnte.
Ein Ruf, ohne Stimme.
Ein Befehl, ohne Worte.
Der Eingang war schmal, kaum breit genug für meine Schultern. Der Fels schabte über meine Haut, die Dunkelheit verschlang das Licht meiner Fackel. Doch ich drang weiter vor, zog mich Schritt für Schritt tiefer hinein, bis der Gang breiter wurde und in einer großen Kaverne mündete.
Zuerst dachte, ich dass meine Augen mir einen Streich spielen. Ich sah die Umrisse eines Dings, eines Wesens. Dann noch eins. Bis ich verstand was ich sah…
Ein Altar.
Er stand mitten in der Höhle, roh und alt, umrahmt von zwei kolossalen Statuen. Links ein Wolf, rechts ein Bär – jeder von ihnen über drei Meter groß, uralte Wächter, aus Stein gehauen, doch lebendig in ihrer Präsenz.
Ich konnte meinen Blick nicht von ihnen lösen. Ihre Augen, so schlicht sie auch gemeißelt waren, schienen mich zu durchbohren, als würden sie meine Seele prüfen.
Vor ihnen lag der Altar.
Das Symbol des Roten Wolfs war tief in den Stein geritzt, umgeben von dunklen, verkrusteten Blutspuren. Knochen waren auf ihm verstreut – große, kleine, gesplitterte. Manche sahen aus wie Tierknochen. Andere… nicht.
Und dort, in der Mitte lag ein Dolch. Ich trat näher und hielt den Atem an.
Er wirkte schlicht auf den ersten Blick – doch etwas daran stimmte nicht. Das Metall glänzte nicht wie gewöhnlicher Stahl. Es wirkte… lebendig. Fast organisch.
Ich streckte meine Hand aus.
Als meine Finger die Klinge berührten, durchfuhr mich ein Schlag.
Kein Schmerz.
Erst ein Kribbeln, dass meine Hand und dann meinen Arm entlang kriecht. Dann tief in meinem Innersten, das pulsieren eines Herzschlages, dass sich mit meinem eigenen Herzschlag zu verschmelzen schien. Der Dolch war kalt, doch er fühlte sich an, als würde er atmen, als würde er mich erkennen.
Und Dann, dann begann er plötzlich zu leuchten.
Nicht grell, nicht wie Feuer oder Sonnenlicht. Sondern dunkelrot.
Wie Blut.
Wie das Glühen heißer Kohlen.
Wie ein schlagendes Herz.
Ich spürte ihn in meinen Knochen. In meinen Gedanken.
Und da war er wieder.
Die Stimme des Roten Wolfs.
Noch deutlicher als je zuvor.
„Etwas finden, von dem du nicht wusstest, dass du es gesucht hast!“
Ich nahm ihn an mich.
Und mit ihm nahm ich mein Schicksal an.
Denn ich bin der Bote des roten Wolfs
Tagebuch von Zandalf, dem Boten des Roten Wolfs – Eintrag 22
Stille
Der Morgen war still.
Kein Heulen. Keine sich im Wind wiegenden Schatten. Kein vertrautes Kratzen von Krallen auf Schnee.
Die Wölfe, sie waren fort.
Ich stand lange da, lauschte in die kalte Weite, suchte mit den Augen nach einer Bewegung, einem Zeichen, ihrer Anwesenheit. Doch da war nichts außer dem Wispern des Windes, der über das gefrorene Land strich.
Hatten sie mich verlassen?
Ich schüttelte den Gedanken ab. Das Rudel war nie meines gewesen – ich war nur ein Teil von Ihnen. und doch fühlte es sich an, als hätte ich etwas verloren. Aber Ich war nicht allein.
Der Rote Wolf war bei mir. Seine Stimme war ein ferner Herzschlag in meinen Gedanken, ein Puls aus Feuer und Flüstern, eine Gewissheit tief in meinen Knochen.
Mein Weg war klar.
Ich musste zurückkehren.
Zurück zu meinem Stamm.
Zurück zu meinem Bruder.
Zurück, um das Wort des Roten Wolfs zu verkünden.
Mein Herz brannte vor Entschlossenheit.
Ich hatte keine Angst.
Doch Vielleicht hätte ich sie haben sollen.
Ich trat auf das Eis hinaus.
Ich kannte den Todesfluss. Ich hatte seine Stimme einst gehört, sein Lied aus Kälte und Bewegung, das feine Knacken, das kaum wahrnehmbar, aber allgegenwärtig war. Ich hätte es gespürt, hätte ihm zugehört.
Doch mein Geist war woanders. Ich war überheblich. Ich war bereits in Gedanken wieder in New Hope.
Und so hörte ich nicht, wie sich die Kälte unter meinen Füßen regte.
Hörte nicht, wie feine Risse sich ausbreiteten.
Spürte nicht, wie das Eis unter mir nachgab.
Bis es zu spät war.
Ein splittriger Laut, ein jäher Ruck – und plötzlich gab es keinen Boden mehr unter mir.
Ich fiel.
Das eisige Wasser war ein gieriger Schlund, der mich mit erbarmungsloser Kraft verschlang.
Ein Stich aus reiner Kälte fuhr durch meinen Leib, meine Lungen sich verkrampfen, mein Herz stockte. Ich rang nach Luft, nach Halt, nach etwas, das mich zurück ins Leben zog – doch da war nur Dunkelheit und endlose, erdrückende Stille.
Mein Körper wollte kämpfen, doch mit jeder Bewegung wurde ihm mehr Wärme entrissen und der eisige Griff wurde fester.
Plötzlich begannen meine Gedanken zu wandern.
Bilder flammten auf.
Erinnerungen, Gefühle, Momente eines Lebens.
Mein Bruder.
Sein Lachen, seine Stimme, die alten Spiele unserer Kindheit.
Mein Stamm.
Die Feuer, die Tänze, die Geschichten, die wir einst erzählten.
Der Rote Wolf.
Seine Worte. Sein Ruf. Seine Bestimmung.
Doch Die Dunkelheit zog mich tiefer und tiefer
Mein Körper wurde schwer.
Ich spürte wie mein Herz verzweifelt versuchte gegen die Kälte anzukämpfen
Doch es wurde langsamer und langsamer und langsamer
Bis mein Atem versiegte.
und mich die Schwärze umschließt.
.....Stille.....
